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"Schutzerziehung"
eine neue pädagogische Vision
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von
Dr. Gabriele Haug-Schnabel
Dr.
Gabriele Haug-Schnabel ist Erstautorin des Buches
"Wie
man Kinder stark macht. So können Sie Ihr
Kind erfolgreich schützen - vor der Flucht in
Angst, Gewalt und Sucht" (Zweitautorin: Barbara
Schmid-Steinbrunner), Oberstebrink-Verlag, Ratingen.
Die
aktuellen Erziehungsziele sind trotz kaum überschaubarer
Vielfalt auf drei Kernanforderungen zu reduzieren:
Selbstständigkeit, Bildung und soziale
Kompetenz. Diese Anforderungen stellen Eltern
und Pädagogen an kindliche Entwicklungsverläufe,
wenn diese als erfolgreich bezeichnet werden
sollen. Den Anspruch, diese Ziele zu erreichen,
haben Eltern und professionelle Entwicklungsbegleiter
auch an sich selbst und richten ihre Erziehungsanstrengungen
entsprechend aus.
Diese
erzieherischen Anforderungen stellen einen Teil
der auf das Entwicklungsgeschehen wirkenden
Impulse dar. Sie sind der Pädagogik aufgrund
forschungshistorischer Tradition zugänglich,
und ihre Diskussion ist vertraut. Erst der interdisziplinäre
Austausch machte es möglich, in diese Überlegungen
auch Besonderheiten unserer evolutionären Ausstattung
mit einzubeziehen, die gleichermaßen auf den
Entwicklungsverlauf Einfluss nehmen. Es geht
um die Berücksichtigung angeborener Bedürfnisse
und um die Frage, inwieweit auch diese zum Erreichen
möglicher Entwicklungsziele notwendig sein können.
Der
Begriff Schutzerziehung etabliert sich
im Moment für die Beschreibung von Erziehungsvorstellungen,
die sowohl evolutionär geschaffene Bedürfnisse
und Verhaltensstrategien berücksichtigen, als
auch kulturelle Ansprüche und deren Ziele im
Auge behalten. Die Schutzerziehung hat es sich
zur Aufgabe gemacht, beide Einflussbereiche
zu überdenken und eine zu große Diskrepanz zwischen
ihren jeweiligen Zielvorstellungen zu vermeiden,
um ein "mismatch", eine fehlende Passung zu
verhindern. Wir wissen heute, dass bestimmte
menschliche Verhaltenstendenzen durch Impulse
der Natur mitbedingt sind. Hier gilt es, zwischen
aktuell noch wichtigen und daher zu stärkenden
Faktoren aus unserem evolutionären Rucksack
und mit unseren heutigen Lebensvorstellungen
nicht mehr zu vereinbarenden biologischen Erbstücken
unterscheiden. Die aktuell wichtigen Faktoren
müssen, um ein aktives, motiviertes und außerdem
gruppenfähiges Individuum heranreifen zu lassen,
durch entsprechenden Input zur Entfaltung kommen,
während gefährliche biologische Erbstücke vor
allem im Hinblick auf ein humanes Zusammenleben
nach Weltbürgernormen kognitiv bearbeitet und
im Laufe der Sozialisation kulturell überformt
werden müssen. Das Wissen über die Herkunft
unserer Verhaltenstendenzen gibt uns die Möglichkeit,
sie zu differenzieren und sie gezielt mit kulturellen
Mitteln zu beeinflussen.
In
der Schutzerziehung stimmen Eltern und
andere am Kind interessierte Bezugspersonen
ihr Betreuungs- und Erziehungsengagement auf
das Kind und seine Entwicklungsvoraussetzungen
ab. Sie arrangieren ihm bewusst seine Lern-
und Erfahrungsfelder so, dass sie einladende
Entwicklungsanreize bieten, von sich aus
aktiv zu werden. Innere Zugewandtheit und
Wissen über das individuelle Kind, seinen altersgemäßen
Entwicklungsstand und seine evolutionäre Ausstattung
sind bei dieser Form der Förderung wesentlich.
Stimmen diese Voraussetzungen, ist Schutzerziehung
mit Primärprävention vor Angst, Gewalt und Sucht
identisch. Der Erziehungsalltag hat dann alle
Chancen, ein Kinderleben reicher und elterliche
wie institutionelle Erziehung nachhaltiger wirksam
werden zu lassen. Eltern gestalten den Erstkontakt
mit dem Leben. Eltern bieten beim Zusammensein
in der Familie die Voraussetzungen, die nötig
sind, damit ein Kind ein selbstbestimmtes Leben
führen und seinen Weg gehen kann, geschützt
vor übermäßiger Angst, unkontrollierter Gewalt
und ohnmächtig machenden Abhängigkeiten.
Schutzerziehung,
-
also
nicht, weil ein Kind schwach, defizitär und
deshalb immer schutz- und förderungsbedürftig
ist, man eine tickende Risikobombe vor Augen
hat,
-
sondern
weil Erwachsene dem kompetenten Kind mit eigenen
Impulsen, kindgemäßen Fähigkeiten und selbstgeregelten
Lösungswegen ein Umfeld bieten möchten, in
dem es die Chance hat, diese, seine Potenzen
zu realisieren.
Wir
kennen heute entwicklungsförderndes Elternverhalten,
zu dem Wissen über kindliche Entwicklung, aber
auch Zutrauen in sich als Eltern und in die
Entwicklungsfähigkeit der Kinder gehören. Kinder
brauchen keine perfekten Eltern, Erzieherinnen
oder Pädagoginnen, aber liebevoll zugewandt
und offen für die kindliche Eigenart sollten
sie sein. Am eigenen Leib verspürte Beziehungsfreude
macht beziehungsfähig. Erlebte Zuwendung, erfahrene
eigene Möglichkeiten und Freiräume, aber auch
befriedigend gespürte Passung und Gemeinsamkeit
machen stark und unabhängig und - wie von Zauberhand
- für andere interessant. Diese Erlebnisse geben
das Gefühl, für jemanden wichtig zu sein, wirken
zu können, nicht übersehen zu werden und Spuren
zu hinterlassen.
An
den 3 bereits genannten pädagogischen Anforderungen
Selbstständigkeit, Bildung und soziale
Kompetenz möchte ich kulturelle Beweggründe,
sie als Erziehungsziele zu präferieren, und
eingeschlagene Wege, sie pädagogisch durchzusetzen,
nennen. Das eigentliche Spannungsfeld wird aber
erst dann sichtbar, wenn die Beteiligung biologischer
Impulse und ihre Bedeutung angesichts dieser
Anforderungen herausgearbeitet werden. Wie könnte
die genetische Bedarfsposition eines Kindes
bezüglich dieser Entwicklungsziele aus dem Blickwinkel
der Evolution aussehen?
Betrachten
wir zuerst das Erziehungsziel "Selbstständigkeit"
etwas näher.
Der
Trend zu einer möglichst frühen Autonomie
ist weit verbreitet, vor allem in den USA, aber
auch in Europa, beispielsweise in Holland. Füttern,
Kommunizieren, Spielen und selbst Schmusen nach
Plan sollen das Kind rhythmisieren, ihm hilfreiche
und verlässliche Strukturen vorgeben, die ihm
seine Orientierung erleichtern. Der Leitgedanke
ist, dass eine möglichst frühe Selbstständigkeit
das Risiko für zu viel Kontakt und zu viel Abhängigkeit
verringere. Das Kind soll in die Lage versetzt
werden, sich vergleichsweise früh allein beruhigen,
allein beschäftigen zu können, sich allein anzuziehen,
selbstständig zu essen, sich problemlos zeitweilig
von den Eltern zu trennen und mit anderen Kontakt
aufzunehmen, die ihm neue Anreize bieten. Frühe
Selbstständigkeit macht sicher, ist die Idee
dabei.
Das
Schlafen nach Plan wird aufgrund vergleichbarer
Intention durchgeführt, doch kommen hier spezielle
Verwöhnängste hinzu, dass ein Kind, erst einmal
auf den falschen Weg gebracht, nun zu lange
in den Schlaf begleitet werden muss. Zu festen
Zeiten im eigenen Bett allein einschlafen zu
können, seine Erregung also selbst, ohne Hilfe
von Körperkontakt, ohne Stillen und Trostsaugen,
ja sogar ohne Anwesenheitssignale der Bezugsperson
herunterregeln zu können, wird angestrebt. Verhaltenstherapeutische
Konditionierungsgedanken spielen in diesem Zusammenhang
eine herausragende Rolle.
Auf
völlig anderem Wege steuert das sogenannte Attachment
Parenting das Ziel kindlicher Selbstständigkeit
an. Das Lebenswerk von William und Martha Sears
basiert auf der Bindungstheorie und geht von
einem bewusst aufeinander abgestimmten kontaktintensiven
Beziehungsaufbau zwischen Kind und Eltern behutsam
geführt in die vom Kind selbstinitiierte Selbstständigkeit
über. Der Lebensstart ist durch viel Nähe, wenige
Trennungen, Stillen, Tragen, gemeinsames Schlafen,
kurze Beruhigungszeiten, emotionale Ansprechbarkeit,
zugewandte liebevolle Erziehung und bewusste
Abstimmung des Familienlebens auf Kind oder
Kinder geprägt. Nicht das unabhängige Kind wird
angestrebt, sondern das interdependente, das
die Bedeutung von Gemeinsamkeit erlebt, die
Kraft der Interaktion und des Dialogs kennt
und deshalb gegenseitige Abhängigkeit, also
Interdependenz, zu schätzen weiß.
Über
eine gute Bindung zu verfügen, wird nicht als
einschränkende Abhängigkeit verstanden, sondern
genossen und als gestaltbarer Freiraum gesehen,
der erst Aktivwerden und Autonomie möglich macht.
Eine lange behütete Zeit, um zu lernen und herauszufinden,
wie die Welt beschaffen ist und wie man darin
seinen Platz findet, ist vorgesehen.
Gopnik,
Kuhl und Meltzoff, drei führende amerikanische
Entwicklungspsychologen, schreiben in ihrem
Buch ‚Forschergeist in Windeln': "Die neue Entwicklungsforschung
deutet darauf hin, dass unser einzigartiger
evolutionärer Trick, unser wichtigstes Anpassungsinstrument,
unsere beste Waffe im Überlebenskampf eben unsere
verblüffende Fähigkeit ist, zu lernen, wenn
wir Babys sind, und zu lehren, wenn wir erwachsen
sind."
In
den letzten Jahren mehren sich die wissenschaftlichen
Nachweise für ein intuitives Elternprogramm
und hierauf abgestimmte Säuglingskompetenzen
als evolutionsbiologische Anpassungsleistung,
vollbracht während der gesamten Menschheitsgeschichte.
Enger Kontakt und gegenseitige Kontaktsuche
sind von Natur aus angelegt. Den Start bilden
einfühlsame, für die jeweilige erwachsene Person
typische, also eine immer etwa gleichartige
und prompte Antwortreaktion auf kindliche Verhaltenssignale.
Eine
gelungene Interaktion zwischen Eltern und Säugling
ist dadurch gekennzeichnet, dass die elterlichen
Verhaltensweisen zeitlich auf die des Säuglings
bezogen sind, zuverlässig und mit hohem Wiedererkennungswert
erfolgen sowie auf den Entwicklungsstand des
Kindes und sein momentanes Befinden abgestimmt
sind.
Im
Normalfall stößt ein Kind bei seinen Dialogversuchen
auf die passende Resonanz seitens seiner Eltern.
Mikroanalysen zeigen, dass ein Drittel aller
Interaktionen zwischen Mutter und Kind bereits
sofort optimal koordiniert ablaufen. 70% aller
nicht sofort passenden Interaktionen, also Missverständnisse
zwischen den beiden werden innerhalb von 2 Sekunden
bemerkt und repariert. Bereits mit wenigen Wochen
kann ein Säugling so eine Verbindung zwischen
seinem Verhalten und den spannungsmildernden,
beruhigenden Verhaltensweisen der Bezugspersonen
feststellen. Es ist sicher für Selbstständigkeitsgefühle
wichtig, Spannungs- und Interaktionsregulierung
als erfolgreiches Ergebnis eigener Bemühungen
zur Kenntnis zu nehmen. Die Babywatcher haben
im Säugling einen beeindruckenden Interaktionspartner
entdeckt, mit einem reichen Verhaltensrepertoire
zum sozialen Austausch ausgestattet sowie mit
einer fast grenzenlosen Lernkapazität versehen,
vorausgesetzt, die "Umwelt" bietet die für einen
Erfahrungsgewinn nötigen Sinneseindrücke liebevoll
zugewandt und angemessen. Die Passung und beeindruckende
Dialogstruktur der Interaktionen zwischen Säugling
und Eltern sollten aber nicht vergessen lassen,
dass die Beziehungsqualität in überwiegendem
Maße von den erwachsenen Interaktionspartnern
bestimmt wird.
Michael
Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre
Anthropologie in Leipzig gelang der Beweis,
dass mit 9 Monaten eine besondere Art kopernikanischer
Wende im Entwicklungsgeschehen stattfindet.
Während bis 9 Monate die Feinfühligkeit der
Bezugsperson, ihre Sensibilität bei der Wahrnehmung,
Spiegelung und sprachlichen Wiedergabe kindlicher
Emotionen für den Entwicklungsfortgang ausschlaggebend
ist, startet zwischen dem 9. und dem 12. Lebensmonat
ein völlig neuartiges Geschehen, von dem zu
vermuten ist, dass es zum ersten Mal die Bezeichnung
spezifisch "menschlich" verdient. Bis auf neurophysiologischer
Ebene nachweisbar, also im Gehirn, findet im
Entwicklungsgeschehen keine Trennung von Emotion
und Kognition statt. "Gemeinsame Aufmerksamkeit"
ist der Begriff, der diese Sensation bezeichnet.
Es handelt sich um vom Kind aktiv betriebene
vorsätzliche emotionale Informationsabfrage
und -verarbeitung. Hier startet die Übernahme
sämtlicher kultureller Fähigkeiten.
Das
Kind
-
richtet
nun bewusst sein Verhalten am Verhalten eines
anderen Menschen aus,
-
sein
Blick folgt der Blickrichtung eines anderen
Menschen,
-
sein
Blick folgt dem Fingerzeig eines anderen Menschen,
-
es
imitiert die Aktionen anderer Menschen an
Objekten,
-
es
zeigt auf erwünschte Objekte oder Aktivitäten,
-
deutet,
um Aufmerksamkeit auf Objekte oder Aktivitäten
zu lenken,
-
und
hält Gegenstände hoch, um sie anderen zu zeigen.
Das
Kind wird selbstständig, es begibt sich aktiv
auf die Suche nach Bewertungen von Gegenständen
und Handlungen durch die Menschen, zu denen
es eine enge Beziehung aufgebaut hat.
Wenden
wir uns dem zweiten ausgewählten Erziehungsziel
zu. Die Bildung, die Förderung kognitiver
Entwicklung ist ein hochaktuelles Erziehungsziel,
der Bildungsanspruch steht als eigenständiger
Wert. Die Entwicklungszeit drängt, man hat Angst
etwas zu versäumen, seit Zeitfenster und sensible
Phasen die Entwicklungspotenzen einzuschränken
scheinen.
Die
emotionale Förderung lag bislang unabgefochten
in der Familie, die kognitive Förderung in den
Institutionen. Im Kindergarten, aber spätestens
in der Schule, ist themenbezogene Motivationsarbeit
zu finden, die Vermittlung von Informationen
und Techniken und die Überprüfung ihrer Verarbeitung
und Durchführung. Auf der Suche nach Lerntypen
und kognitiven Strategien trat die Funktion
des Informationsvermittlers immer mehr in den
Hintergrund.
Dieses
Bild muss angesichts der neuen Forschungsergebnisse
ins Wanken kommen: es gibt keine Trennung zwischen
Emotion und Kognition. Der Startimpuls für kognitive
Leistungen ist emotional. Ein Prototyp für derartige
Erkenntnisleistungen ist der Spracherwerb. Die
Charakteristika des von den Eltern gesprochenen
Babytalks sind trotz großer Unterschiede zwischen
den Sprachen in allen Kulturen sprachmelodisch
identisch. Elementare Botschaften werden beim
Babytalk ausgetauscht, die erst heute als Beginn
des Sprachverständnisses begriffen werden. Bei
diesen Sprachmelodien wird das Kind aufmerksam,
einmal wird es zur aktiven Teilnahme am Dialog
aufgefordert, ein anderes Mal liebevoll begrüßt
oder bestätigt, genauso aber auch getröstet
und beruhigt, später vielleicht einmal ermahnt.
Das vertraute Gesicht vermittelt ihm Emotionen,
die mit Sprachlauten verbunden sind; mütterliche
Mimik und die akustische Wahrnehmung bereiten
den Säugling auf den Spracherwerb vor.
Es
ist die mit dem Säugling aufgebaute Gefühlsbeziehung,
die ihn veranlasst, auf den Sprechenden zu achten
und schließlich selbst zu sprechen. Und es ist
die Bindungsqualität, die das Entfaltungsausmaß
angeborener Strategien zum Erfahrungserwerb
bestimmt - das betrifft das Erkunden, Spielen,
Nachahmen und phantasievolle Gestalten.
Der
Entwicklungspsychologe Klaus Grossmann fordert
angesichts dieser Ergebnisse, eine Revision
des psychologischen Aufmerksamkeitsbegriffs
vorzunehmen. Aufmerksamkeit wird bislang als
"fehlende Ablenkbarkeit" beschrieben, während
eigeninitiativ gestartete emotionale Ansprechbarkeit
weit mehr der Tatsache entspricht, dass in diesen
Momenten Begabung, Interesse, Konzentration
und Ausdauer "auf den Punkt genau" gebündelt
werden, mit Konsequenzen auf die Informationsspeicherung
und ihre effiziente Wiederabrufbarkeit.
Bei
der Analyse kindlicher Selbstbildungsprozesse
ist man auf Grund der Befunde von evolutiv geschaffenen,
angeborenen Lerndispositionen immer überzeugter.
Das
Kind ist aktiv auf der Suche nach Antworten,
nach Informationen, am meisten erfreut über
ein ausgeglichenes Maß an Innovation und Bestätigung,
das ist neu und das kenne ich schon. Es sucht
nach Invarianten, Konsequenzen und Kausalzusammenhängen,
alles, um die Bedeutung von Urheberschaft und
Wirksamkeit zu verstehen, um Teil seiner Umgebung
zu werden und diese mitgestalten zu können.
Selbst
beim Denken sind diese aktiven selbstgesteuerten
Arbeitsprozesse nachweisbar. Man attestiert
Kindern eine angeborene Theoriefähigkeit, denn
zu allem, das sie wahrnehmen und erfahren, stellen
sie eine momentan aktuelle Theorie auf, die
sie bei neuen andersartigen Erfahrungen abwandeln
oder verwerfen, sobald bessere Erklärungsmöglichkeiten
eine andere Theorie wahrscheinlicher erscheinen
lassen. Weich, klein, rund und bunt ist ein
Ball. O, es gibt auch große, weiche, runde,
bunte Bälle. Nein, hart und braun ist ein Ball.
Aha, es gibt weiche und harte Bälle, kleine
und große, bunte und einfarbige. Aber rund ist
jeder Ball.
Hochleistungsfähige
Lernmechanismen, jederzeit reversibel und höchst
variabel, sind hierfür nötig, mit deren Hilfe
Wissen spontan revidiert, umgeformt und vor
einem Neueinsatz umstrukturiert werden kann.
"Papa, was fällt dir ein, wenn du an letzten
Sonntag denkst?" fragt ein vierjähriges Mädchen
seinen Vater und ist höchst verblüfft, dass
er an die herrliche Wanderung denkt, während
ihr die tollen Pommes frites einfallen, die
es an der Raststätte bei der Heimfahrt gab.
Die eigenen mentalen Aktivitäten werden mit
denen anderer Menschen in Beziehung gesetzt,
das "theory of mind-Konzept" beschreibt diese
Phänomene. Vorschulkinder akzeptieren bei ihren
Interaktionspartnern eigene Bewusstseinsvorgänge.
Sie verstehen, dass ihre Bewusstseinsinhalte
das Ergebnis von eigenen Denkvorgängen und eigenen
Wahrnehmungsakten sind und dies für das Bewusstsein
anderer genauso zutrifft. Deshalb können beim
Vergleich mit den Vorstellungen anderer Menschen
individuelle Unterschiede und Fehlannahmen aufgrund
eines partiellen Informationsdefizits auftreten.
Empathiefähigkeit ist hier die Voraussetzung,
eine emotionale Wahrnehmungsleistung, die allein
durch frühe mit Bewertungen versehene Interaktionserfahrungen
geschult wird.
Wir
kommen zum letzten Begriff, der sozialen
Kompetenz.
Babytreffs
als wirkungsvolles soziales Netz für junge Mütter
und Kinderkrippen zur qualitativ hochwertigen
Betreuung für Kleinstkinder erwerbstätiger Eltern
sind unter diesen Gesichtspunkten anerkannt.
Sind beide Institutionen jedoch vor allem dazu
gedacht, unter Gleichaltrigen möglichst früh
soziale Kompetenzen zu wecken, so können sie
sich in dieser Funktion nicht bewähren. Auf
diesem Weg werden Kinder nicht schneller sozial
aktiv oder gar sozial kompetent. Erst die Sicherheit
im Umgang mit vertraut gewordenen Erwachsenen
bereitet die Ansprechbarkeit und Motivation
für Kinderkontakte vor. Die erwachsene Bezugsperson
als Katalysator für eine Erweiterung und Spezialisierung
auf Peerkontakte. Vertraut mit der Erzieherin
werden andere Kinder und ihre Tätigkeiten plötzlich
attraktiv. Jetzt kann man mitlachen, mitspielen,
mitplanen und bald sogar mitstreiten. Diese
Erkenntnisse bringen erste Früchte: das individuelle
Bezugspersonensystem, die behutsame Eingewöhnung
eines Kindes durch seine Erzieherin bei teilweiser
Anwesenheit seiner Eltern, zeigt positive Auswirkungen
auf ein schnelleres Reinkommen in die Gruppe
der Gleichaltrigen.
Das
Kind begibt sich aktiv auf die Suche nach
Verhaltensmodellen, nach Einflussmöglichkeiten
und Handlungsspielraum.
Hierher
gehören auch aktiv betriebene aggressive Vorstöße
als wichtiger Teil des sozialen Lernens während
der kindlichen Entwicklung. Das Kind nimmt am
Sozialleben teil, indem es die hier geltenden
Normen abfragt, um sich in dieser Welt einnischen
zu können. Wenn ein Kind sich zeitweilig aufdringlich
und aufmüpfig verhält, erhöht es die Chancen
auf eine schnelle und zweifelsfreie Antwort.
Die braucht es, um die Verhältnisse klar zu
sehen und wieder zur Ruhe zu kommen. Nicht nur
seine Umgebung, auch seine Beziehungen gestaltet
ein Kind nach Möglichkeit aktiv, um wohltuende
Grenzen um seinen Freiraum zu erfahren. Rangordnungskämpfen
und Besitzkonflikten wird man eher gerecht,
wenn sie als Grenzsuche, Machttest und Beziehungscheck
verstanden werden. Über intensiven Erwachsenenkontakt
bewusst in die erweiterte Sozialgruppe eingeführt,
präsentieren Kinder von sich aus Koordinations-
und Synchronisationsleistungen höchster Perfektion,
die von ihnen das gesamte Spektrum der Verhaltensweisen
eines Gruppenmitglieds abverlangen, von klug
geschmiedeten Allianzen bis beabsichtigten aggressiven
Zwischenfällen.
Evolutionäre
Impulse bereiten Selbstständigkeit, Bildung
und Sozialkompetenz vor.
-
Sich
aktiv auf die Suche nach Bewertung von Reaktionen,
Handlungen und Situationen zu begeben,
-
sich
aktiv auf die Suche nach Wissen, Können und
Verstehen zu begeben,
-
sich
aktiv auf die Suche nach Modellen, nach Möglichkeiten
der Einflussnahme und eigenen Handlungsspielräumen
zu machen,
bedeutet
nach heutigem Wissenstand, seine Schutzfaktoren
vor einer Flucht in Angst, Gewalt oder Sucht
zu aktivieren und seine Ressourcen kennen zu
lernen. Das Angebot des Originals, bevor die
Suche nach Ersatz beginnt, heißt die Zauberformel
moderner Suchtprävention. Menschen, die vom
Lebensanfang an ihre Originalquellen für Wohlbefinden,
gewaltfreie Wirksamkeit und Angstbeseitigung
spüren und erleben, sind mit Erfahrungen und
Ressourcen ausgestattet, die sie kritischer
auf Kurzschlussreaktionen und resistenter auf
Verlockungen eines Ersatzwohlbefindens reagieren
lassen, denn sie kennen ihre echten Bedürfnisse
und verfügen über erfolgreiche Wege zu deren
Befriedigung, für die sie sich auch stark machen
werden.
Es
lohnt sich mit Sicherheit, auch weitere Beispiele
elterlicher und pädagogischer Erziehungsansprüche
auf ihre kulturellen und evolutionären Vorgaben
zu überprüfen. Besonders aussagekräftig ist
die Beobachtung, in welchen Punkten sich aktuelle
kulturelle und uralte evolutive Ziele decken,
und wo die Positionen unvereinbar erscheinen.
Zur Nicht-Deckung kommt es, wenn kulturelle
Ansprüche und der Weg, sie durchzusetzen, außerhalb
des biologischen Möglichkeitsrahmen liegen und
deshalb massive Defizite zurücklassen, die eine
gefährliche Suche nach Ersatzbefriedigung, bis
hin zur Sucht, notwendig werden lassen. Aber
genauso beachtenswert und kulturell "überholungsbedürftig"
sind Diskrepanzen zwischen Natur und Kultur,
bei denen beobachtbare biologische Verhaltenszusammenhänge
nicht mehr mit von Menschen entwickelten Werten
und Normen des Zusammenlebens übereinstimmen.
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